#wieesbegann : NRW Slam

Ihr würdet gerne wissen, wie der erste NRW Slam 2008, die erste NRW Meisterschaft im Slam in Münster waren? Wie es zur Landesmeisterschaft im bevölkerungsreichsten Bundesland kam? Hier die Antworten von Andreas Weber, u.a. Ausrichter eben jenes ersten NRW Slams 2008 in Münster:

 

„Tobias Kunze? Der kommt doch aus Hannover.“ Kopfschütteln. Entsetzen. Ein Aufschrei. Zwei
Jungen und ein Mädchen weinen über soviel Anarchie. Ein Pädagoge kratzt sich nachdenklich am
Po. Er flüstert auf Altgriechisch: Der erste NRW Meister im Poetry Slam ein Hannoveraner!
Und Herr Kunze war nicht der einzige Teilnehmer, der 2008 wenig Bezug zu NRW hatte. Warum?
Darum. Weil es egal war. Weil wir uns die Frage nicht stellten. Egal war nicht der Slam. Der Slam
war alles. Der Slam ist der Slam, ist der Slam, ist der Slam. Es ist Slam: Der erste NRW Poetry
Slam.
Wir schreiben das Jahr 2008: Julia Engelmann geht noch zur Grundschule, Torsten Sträter überlegt ,
ob seine Gruselgeschichten gruselig sind und Wehwalt Koslowski denkt das erste Mal darüber
nach, seine Karriere an den Nagel zu hängen. Gerade hat das WDR – Fernsehen den Poetry Slam
für sich entdeckt und WDR Haus- und Hofberichterstatter Jörg Thadeusz erklärt dem
Fernsehzuschauer Freitagnacht um 23 Uhr die Regeln (3 Minuten Bühnenzeit). Mit der neuen
medialen Inszenierung kommt ein ganzer Schwung jungfräuliches Publikum in die Kneipen, Clubs
und Theater. Nicht wenige Veranstalter rennen hektisch durch ihre Städte, sind auf der Suche nach
neuen Slam Locations, da die alten aus allen Nähten platzen.
Wir schreiben das Jahr 2008: Noch ist Poetry Slam Punk, Alternativkultur, HinterzimmerAvantgarde. Die ersten Slam Poeten riechen, dass mehr aus der Sache zu holen ist. Schon bald
werden die Eintrittsgelder angehoben und die ersten Slam Poeten pochen auf
Aufwandsentschädigungen, Honorare und Gagen. Noch schlafen wir auf Isomatten und in
Schlafsäcken oder mit ein wenig Glück beim Slam Master auf dem IKEA Sofa. Und Wehwalt
Koslowski plant seine erste Abschiedstour.
Wir schreiben das Jahr 2008. Die Poetry Slam Welt ist noch in Ordnung, aber wir spüren, dass es
Zeit für etwas Großes wird. Also bitte. Hier etwas Großes. Der erste NRW Poetry Slam. Die
Eckdaten: Drei Tage Bühnenliteratur, vierzig Slam Poeten verteilt auf vier Vorrunden. Dazwischen
Elektro Pop mit Großraumdichten, Songwriting mit Roger Trash, musikalische Satire von Der
Büro, Nicholas von Jupiter Jones mit Gitarre und kurz vor seinem Burn Out und Doomed Zau aka
Andy Strauß ohne Gitarre und Burn Out.
Wir schreiben das Jahr 2008. Erster Tag. Singer Songwriter Konzerte, Best of Show,
Gruppenauslosung, Umarmungen und Marlene Stammerjohanns erzählt mir, dass sie wieder mit
dem Rauchen angefangen hat, weil alles so schön ist. Umarmungen. Umarmungen. Sushi da
Slamfish kommt. Umarmungen. Viele sind schon am ersten Tag angereist, auch wenn der
eigentliche Wettbewerb erst am Samstag beginnt. Umarmungen. Irgendjemand behauptet Wehwalt
Koslowski plant seine Karriere zu beenden, ein anderer sagt, dass er bestimmt erst eine
Abschiedstour macht. Umarmungen. Wenn ich groß bin, will ich auch mal eine Abschiedstour
machen, denke ich.
Wir schreiben das Jahr 2008. Zweiter Tag. Frühstück bei Andy Strauß und mir im Garten. Das Sat1
Frühstücksfernsehen besucht uns, sie möchten eine Hintergrundgeschichte machen. Behind the Mic
oder so was? Andi Substanz soll sich bei mir im Badezimmer vor den Spiegel stellen und seinen
Text für den Auftritt üben. Wie man das als Slam Poet eben so macht, sagt Sat1. Okay, sagt Andi
Substanz. Als keiner guckt, flüstert er mir zu, dass er eigentlich nie vorm Spiegel seinen Text übt.
„Ich habe gar keinen Spiegel auf dem Klo“, sagt er. Ich sag ihm, dass er das schon machen wird und
geleite Poeten, Fernsehteam und Zuschauer zu meiner Hygienezelle. Leider ist das Klo besetzt, da
Dorian Steinhoff einen sehr empfindlichen Magen hat und der Vorabend einen ausgiebigen
Aufenthalt auf dem Porzellan von ihm verlangt. „Dorian, Dorian, hör auf zu kacken, das Fernsehen
ist da“, schreit Andy Strauß und klopft energisch an die Badezimmertür. Erst kriegt er keine
Antwort, doch ein paar Sekunden später kommt ein erschöpfter, aber glücklicher Dorian heraus.

Hinter sich wabert noch die Luft. Leicht angewidert versucht das Privatfernsehen ihren Bericht in
den „Kasten“ zu kriegen. Es sind Profis, die lassen sich von einem bisschen schlechte Luft nicht
unterkriegen, Andi Substanz schon, aber Nase zu und durch, raten wir ihm und alle klopfen ihm
kameradschaftlich auf die Schultern. Der Rest kugelt sich lachend und die Bäuche haltend im
Garten. Kurz denke ich, dass ich eine wundervolle Familie habe und betrachte Mädchen und
Jungen, Damen und Herren, Punkt und Hippie, alt und jung in meinem Garten. Dann muss ich aber
schnell weiter und verbiete mir viele Gedanken. Am Nachmittag beginnt unser Programm mit einer
kleinen Independent Buchmesse, am Abend startet endlich der Slam, um den es eigentlich geht.
Wir schreiben das Jahr 2008. Samstag. Dritter und letzter Tag. Ich moderiere das Finale, bin mir
aber über Zeit und Raum schon lange nicht mehr bewusst. Später sagt man, dass es schön war, nur
der Moderator soll erschöpft und leicht abwesend gewirkt haben. Was soll es? Was zählt sind die
Autoren, die Künstler, der Slam. Und die Umarmungen. Am Ende heißt der Sieger Tobias Kunze
aus Hannover. Wir freuen uns alle. Umarmungen. Mischa Sarim Verrolltett und Nadja Schlüter
teilen sich den zweiten Platz. Umarmungen. Ich bin sehr müde und schwöre, nie wieder ein Slam
Festival zu organisieren. Leider breche ich schon kurz darauf meinen Schwur.
Niedersachsenmeisterschaft in Osnabrück, 2015 sogar wieder eine NRW Meisterschaft in Münster.
Aber das ist ein anderes Thema. Was bleibt? Misha Anouk sagt mir, dass ihn der erste NRW Slam in
Münster an die Wurzel des Slams erinnert hat, als Slam vor allem Liebe und Umarmung war. Das
war ein schönes Kompliment. Das blieb unter anderem hängen.
Also: Ich umarme euch. Liebe, Andreas